Bücher · Buchvorstellung

Autorenmonat – Buchvorstellung: „Narbenkuss“ von Michelle Parker

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Die 17-Jährige Alecia ist mit ihren Adoptiveltern in eine neue Stadt gezogen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten könnte alles so schön sein, wäre da nicht das seltsame Kribbeln in ihrer Hand und der Schmerz in ihrem Finger. Beides wird von negativen Gefühlen begleitet, die nach und nach schlimmer werden. Als sie dann auch noch eine besondere Zuneigung für ihren Klassenkameraden Simon entwickelt, fällt es ihr immer schwerer, ihre Gefühle zu kontrollieren. Plötzlich findet sich Alecia in einer vollkommen fremden Welt wieder. Beängstigend, denn die Natur hier lehnt sich auf ihre ganz eigene Art und Weise gegen die Menschen auf. Doch wo ist Simon? Er hätte bei ihr sein müssen! Eine abenteuerliche Suche beginnt, die für Alecia den Tod bedeuten könnte.
 
Textausschnitt:
„Das Ganze nennt man einen Narbenkuss. Erst beginnt alles ganz harmlos – ein bisschen Wut, Trauer, Verzweiflung, doch nach und nach fühlst du es immer häufiger. Schon bald kannst du deine Gefühle nicht mehr kontrollieren, sie beherrschen dich und tauchen auch in ganz harmlosen Situationen auf. Es wird so schlimm, dass du irgendwann gar nichts mehr anderes fühlen und denken kannst und du von Schmerz und Leid zu Boden gerissen wirst. Wenn du diesen Punkt erreicht hast, scheint es, als wenn die negativen Gefühle dich komplett besitzen, dein Innerstes verzehren und dann entsteht der Narbenkuss.“
 
Leseprobe aus Kapitel 6:

Da war sie wieder, diese Wiese voller blutroter Blumen. Alecia wanderte erneut hindurch, während ihr eigenes Blut wieder ihren Körper herunterlief. Sie ging weiter, alles war genauso wie beim letzten Mal. Der Abgrund tat sich vor ihr auf und auf der anderen Seite stand die wunderschöne Frau, die nach ihr rief, immer noch wartend, dass sie endlich kam. Bisher war ihre Angst zu groß gewesen, den Sprung über diesen riesigen Spalt zu wagen, aber warum auch immer hatte Alecia jetzt das Gefühl, nichts mehr zu verlieren.
Sie sprang.
Die Erdspalte unter ihr schien immer größer zu werden, doch es war fast so, als könne sie fliegen. Langsam schwebte sie über den schwarzen Abgrund und landete schließlich sanft auf der anderen Seite. Dunkelheit herrschte um sie herum, hüllte sie ein, bis sie auf einmal nichts mehr sehen konnte. Auch die fremde Frau war aus ihrem Blickfeld verschwunden. Plötzlich merkte sie, dass die Dunkelheit, die sie einnahm, ihr auch die Luft zum Atmen raubte. Hektisch versuchte sie immer wieder, ein- und auszuatmen, doch es half nichts. Alecias Herz klopfte wild vor Angst, doch schon bald sank sie bewusstlos zu Boden.
Nur langsam fand Alecia ihr Bewusstsein wieder. Noch bevor sie überhaupt richtig wach war, fühlte sie den Schmerz in ihrem Kopf und in jedem anderen Körperteil, doch am meistens schmerzte ihre linke Hand. Am liebsten wäre sie direkt wieder eingeschlafen. Der Boden unter ihr war hart, nass und kalt und irgendetwas fühlte sich falsch an, aber sie wusste nicht genau was. Solche Situationen hatte sie viel zu oft erlebt in letzter Zeit und langsam war sie genervt davon. Alecia blieb noch einige Zeit liegen, ohne die Augen zu öffnen oder sich zu bewegen. Sie fühlte sich so schwach und kraftlos – es war sogar noch schlimmer als damals im Krankenhaus. Sie nutzte die Zeit, um die Geschehnisse in ihrem Kopf zu ordnen. Das letzte, an das sie sich erinnerte, war die Brücke am See. Etwas war dort passiert. Sie sah  das Bild eines Jungen vor ihren Augen und im Hintergrund konnte sie den Himmel erkennen. Sie war gefallen, war von der Brücke heruntergerutscht. Eigentlich hätte sie jetzt tot sein oder im See schwimmen  müssen. Beides schien auf merkwürdige Weise nicht der Fall zu sein. Wurde sie gerettet? Wieso nahm sie dann um sich herum niemanden wahr? Keine Stimmen, keine anderen Geräusche. Sie war sich sicher, dass sie vollkommen alleine war. Aber da war noch etwas, etwas, dass sie vergessen hatte. Warum war sie von der Brücke gerutscht? Irgendjemand hatte sie gerufen. Ihr war die Stimme so bekannt vorgekommen. Die Laute hallten in ihrem Kopf wieder. Ein Junge! Wie hieß er denn gleich? Plötzlich schnellte sie hoch, öffnete die Augen, sank aber sofort wieder auf den Boden vor Schmerzen. Simon! Er war es gewesen und Kate war auch da gewesen, doch er war ihr nachgesprungen. Das bedeutete, er musste auch irgendwo hier sein! Jetzt richtete sie sich etwas vorsichtiger auf und blickte sich um, doch von ihm gab es keine Spur. Nichts. Aber sie hatte ihn ganz deutlich gesehen und gespürt – er hatte ihre Hand ergriffen und dann war ihr schwarz vor Augen geworden. Ihr Herz verkrampfte sich. Er musste doch irgendwo hier sein! Krampfhaft suchte sie mit ihren Augen die Umgebung ab und obwohl sie Simon nirgendwo sah, fiel ihr doch etwas anderes auf. Dieser Ort. Langsam schweifte ihr Blick erneut umher, konzentrierte sich dabei aber mehr auf das, was sie sah. Vor ihr lag ein großer, schwarzer Abgrund und sie konnte deutlich das blutrote Blumenmeer erkennen, dass sich dahinter befand. Auch auf ihrer Seite waren Blumen, ganz viele weiße, die der Wind leicht hin- und herschaukelte. War das vorhin doch nur ein Traum gewesen? Die Umgebung, die sich ihr nun offenbarte, war unverkennbar die aus ihren Träumen. Das einzige, was fehlte war die Frau. Doch auch beim erneuten Umblicken konnte sie keine andere Menschenseele erkennen.
Langsam fühlte sich das alles hier an wie ein schlechter Traum und es fiel Alecia schwer zu unterscheiden, was Realität und was nur Einbildung war. War sie überhaupt wach? Es fühlte sich so an, aber sicher war sie sich dennoch nicht. Die letzten Träume waren so real gewesen, dass es sie jetzt ganz durcheinander brachte. Da war der See, in den sie definitiv hätte gefallen sein müssen und da war die Wiese, die bisher nur in ihrem Traum existierte. Nun war von dem See weit und breit nichts mehr zu sehen, dafür war die Wiese aus ihrem Traum bittere Realität geworden. Irgendetwas konnte hier doch nicht stimmen! Ob das vielleicht der Tod war? Sie konnte es sich nicht vorstellen. Zumindest fühlte sie sich so  nicht anders als sonst.
Vorsichtig stand Alecia auf. Der Schmerz in ihren Gliedern war glücklicherweise schon abgeklungen, ebenso wie der stechende Schmerz in ihrer Hand. Doch ganz gleich, wo sie hinsah, es gab nichts anderes als riesige Blumenfelder, die kein Ende zu haben schienen. Das einzige, was sie wusste, war, dass sie nicht zurück wollte, zurück auf die Wiese mit den blutroten Blumen. Also musste Alecia in die andere Richtung gehen, denn hier zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand kam, erschien ihr als wenig sinnvoll. Der Ort wirkte auch nicht unbedingt so, als würde oft jemand hier vorbeikommen. Doch was war mit dieser braunhaarigen Frau? Wieso war sie nicht hier? Sollte sie womöglich lieber warten? Doch bei dem Gedanken, hier sitzenzubleiben, wurde ihr ganz mulmig zumute. Alecia kam die Dunkelheit aus ihrem Traum wieder in den Sinn. So machte sie sich auf und streifte durch die weißen Blumen, die sich ganz sanft und weich auf ihrer Haut anfühlten und damit ganz anders als die roten Blumen auf der anderen Seite des Abgrunds waren. Die Sonne schien so heiß vom Himmel, dass sie schließlich ihre Regenjacke und ihren Pulli ausziehen musste und sich diese um die Hüfte schlang. Mittlerweile wunderte sie sich nicht mehr darüber, warum sie überhaupt nicht mehr durchnässt war. Wer weiß, wie lange sie dort gelegen hatte?
Schritt für Schritt ging sie über die Wiese mit den weißen Blumen und die ganze Zeit über meinte sie, leise Stimmen zu hören. Immer wieder ließ sie den Blick schweifen und obwohl sie niemanden sehen konnte, schienen die Stimmen stetig lauter zu werden, umso tiefer sie in die Blumenwiese eindrang. Anfangs verstand sie noch nicht, was die Stimmen sagten, dann aber konnte sie deutlich ihren Namen heraushören. Es ängstigte Alecia und ihr liefen immer wieder kleine Schauer über den Rücken. Woher kannten sie nur ihren Namen?
„Sie ist es. Das ist Alecia.“
„Alecia.“
„Sieh nur, Alecia ist da.“
Nach einer Weile machte sie das leise Gemurmel müde und schläfrig. Es war wie ein monotones, eintöniges Lied, das in einer Dauerschleife im gleichen Takt weitergeführt wurde. Hinzu kamen Durst, Hunger und die Kraftlosigkeit, die sie schleppend einholte. Ihre Schritte wurden immer langsamer und kürzer, bis Alecia sich schließlich hinsetzen musste. Die Müdigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben und während sie auf den Boden sank, konnte sie nur noch daran denken, endlich einzuschlafen. Es ertönte leiser Gesang und es machte den Eindruck, als würden die Blumen ein Schlaflied nur für sie singen. Schon nach wenigen Sekunden war Alecia eingeschlafen.
Sofort tat sich vor ihr ein vollkommen neues Bild auf. Ein neuer Traum? Oder doch eine neue Realität? Sie stand mitten in einem Meer, aber diesmal in einem richtigen Meer, das nach Salz roch und dessen Wellen an ihre Beine schlugen. Obwohl Alecia im Wasser stand, waren ihre Beine nicht nass. Als sie anfing, sich zu bewegen, glitt sie federleicht durchs Nass, als gäbe es überhaupt keinen Widerstand. Seltsam war auch, dass sie über irgendetwas in dem Wasser ging, was sie zwar nicht sah, aber dennoch fühlte. Sie war sich sicher, dass es nicht der Boden war, denn sie fühlte etwas hartes, glattes, was aber weder Sand noch Muscheln waren, außerdem wäre sie sonst schon längst bis zu den Knien im Wasser versunken. Plötzlich erblickte Alecia erneut die Unbekannte, die auf einem Felsvorsprung saß, der in einiger Entfernung aus dem Wasser ragte. Sie hielt sich die Hände vor das Gesicht und zitterte. Als Alecia genau hinsah, erkannte sie, dass aus ihren Händen winzige Wasserfälle flossen, die letztendlich im Meer endeten. Erst als sie einige Schritte näher gekommen war, ließ die Frau ihre Hände sinken und drehte den Kopf in ihre Richtung. Ihre Augen waren mit Tränen überströmt und rot vom Weinen. Erst jetzt wurde es ihr bewusst – das Meer, in dem sie stand, war ein Tränenmeer, geschaffen aus den Tränen dieser Unbekannten. Ihr Blick heftete sich an den Augen der wunderschönen Frau fest und der Schmerz, den sie darin erkennen konnte, brannte in ihrer eigenen Brust, sodass sie husten musste, weil sie für einen Moment keine Luft mehr bekam.
Wie lange sie hier wohl schon saß und weinte? Was war der Grund für diese vielen Tränen? Wieso war noch niemand gekommen, um ihr zu helfen? All diese Fragen kamen Alecia in den Sinn, doch ihr fehlte die Zeit, um darüber nachzudenken, denn der unendliche Schmerz der Frau raubten ihr den Verstand. Inzwischen konnte sie überhaupt nicht mehr atmen, alles in ihr zog sich zusammen und Alecia sank schmerzvoll zu Boden. Auf einmal verschwand die glatte Fläche unter ihren Füßen und dann war da nichts mehr – sie sank immer tiefer. Sie spürte wie sich eine Hand um ihren Knöchel schlang und sie mit aller Kraft nach unten zog. Sofort brach Alecia in Panik aus. Sie wollte nach Hilfe schreien, aber kein Laut verließ ihren Mund. Nach wenigen Sekunden war sie im Meer verschwunden und alles um sie herum wurde wieder dunkel.
Hastig nach Luft schnappend wachte sie auf und saß kerzengerade da. Der Schmerz in ihrer Brust war abgeklungen, dafür brannte ihre Hand umso mehr. Immer noch spürte sie die Verzweiflung der Frau in sich, als wäre es ihre eigene gewesen und ihr Atem wollte sich nicht beruhigen. Sie öffnete die Augenlider und starrte direkt in zwei goldene Augen, die sie neugierig ansahen.
„Beruhige dich. Alles ist gut“, ertönte schließlich die Stimme, die zu dem Augenpaar gehörte, welches sich langsam von ihr entfernte. Erst wurde ein Gesicht und dann so allmählich eine Gestalt sichtbar. Ohne den Blick abzuwenden, tastete Alecia mit den Händen ihre Umgebung ab. Dass sie sich nicht mehr draußen auf der Wiese befand, stellte sie sofort fest. Zudem ertastete sie ein Kissen, eine Decke und eine Matratze. Sie befand sich eindeutig in einem Bett, in einem Zimmer, in einem Haus – in einem fremden Haus. Sie löste die Augen von dem Fremden und ihr Blick huschte ebenso hastig umher wie ihr Atmen ging. Erneute Panik stieg in ihr auf. Also noch einmal von vorne – See – Wiese – andere Wiese – Meer – Haus. Wieso konnte sie nicht einmal an dem Ort aufwachen, an den sie sich zuletzt erinnerte? Und wer verdammt noch mal war das jetzt?
Der Junge mit den strubbeligen, dunkelblonden Haaren und den goldenen Augen setzte sich neben sie und sah sie weiterhin durchdringend an. Auf den ersten Blick wirkte er ungefährlich und freundlich – und vor allem vollkommen ausgeglichen. Ein Zustand, indem sie sich gerade auch gerne befunden hätte, der aber generell leider nicht in ihr Repertoire gehörte. Alecia wusste nicht, ob sie das alles beruhigen sollte, aber immerhin war endlich jemand anwesend, mit dem man sich unterhalten konnte.
So wie der Fremde dasaß, machte es den Anschein, als wartete er auf etwas. Aber worauf? Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. Er lachte. Sie zuckte zusammen. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Bin ich tot?“, fragte sie verwirrt, denn nach den heutigen Erlebnissen erschien ihr das nicht mehr abwegig.

Eure Hermine
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