Bücher · Leseprobe

Lauf, Sophie – May B. Aweley

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Hier ein Ausschnitt aus meinem Buch „Lauf, Sophie“:

» Der Mensch ist

kein Gefangener seines Schicksals,

sondern

ein Gefangener seiner Gedanken.«

[Franklin D. Roosevelt]

Während weltweit Millionen Menschen eines natürlichen Todes, an den Folgen des Rauchens oder bei einem Unfall sterben, war das Schicksal von Abigail Moore in jenem Augenblick besiegelt, als er sie sich ausgesucht hatte. Weder eine Zigarette noch der gefürchtete Krebs oder die Unachtsamkeit eines Autofahrers würden ihren wunderschönen jungen Körper dahinraffen. Sie würde aufgrund eines perfiden Zufalls sterben. Vielleicht war es ein grausamer Scherz oder eine üble Laune unserer brutalen Welt … Möglicherweise einfach nur die wertfreie, fatalistische Bestimmung, dass gerade er Abigails Wege kreuzte. Doch es war nicht mehr wichtig.

Wichtig war, dass sich zu einem gewissen Zeitpunkt der Gottgleiche für sie entschieden hatte. Diese Tatsache konnte niemand mehr ändern.

Mit fast stoischer Ruhe erahnte er derzeit, wie sich die junge Studentin für ihn hübsch machte.

Dass ich mich auch von dem Plan abbringen ließ, eine Kamera im Bad anzubringen, war ein großer Fehler, dachte er verärgert. Plötzlich tauchte doch noch eine schwer zu bremsende Nervosität in ihm auf. In Erwartung von Abigails nacktem Körper auf seinem Bildschirm mit der gestochen scharfen Auflösung leckte er sich die Lippen. Beim zweiten Mal lasse ich mir nicht von dem Alten vorschreiben, was zu tun ist! Denn ICH bin der Gott! Nicht der alte Mann! Die Vorstellung seiner Macht über Leben und Tod erregte ihn zutiefst.

In vielerlei Hinsicht war diese Frau, deren Teil ihres Lebens er unbemerkt geworden war, etwas Besonderes. Du bist mein erstes Mädchen. Darum werde ich ganz behutsam mit dir sein!, versprach er, als das Geräusch des fließenden Wassers in Abigails Dusche verstummte.

Der Mann am Bildschirm hatte viel Glück. Abigail war nicht besonders schüchtern. Es machte ihr offensichtlich nichts aus, möglicherweise von den Nachbarn des gegenüberliegenden Wohnblocks gesehen zu werden.

Eiligen Schrittes betrat Abigail tatsächlich nackt das Wohnzimmer ihrer winzigen Studentenbleibe, die sie in Chelsea, einem Stadtteil von Manhattan in New York City, bewohnte. Von nun an würde er jeden ihrer Schritte verfolgen können. Diese Vorstellung erfreute ihn.

Die versteckte Kamera war so gut, dass der Beobachtende selbst den Wassertropfen folgen konnte, die sich an den Erhebungen ihres nachlässig abgetrockneten Körpers stauten. Beinahe neidisch beobachtete er, wie das Wasser Stellen an ihr berührte, die er nur am Bildschirm nachzeichnen konnte. Nicht mehr lange, und ich werde diese Stellen berühren. So, dass du in Todesangst schreist. Doch ich lasse mir Zeit.

Widerwillig schaute er auf die Uhr an seinem Handgelenk. In einer Stunde war er mit Abigail verabredet. Für einen Mann eine lange Zeit, sich zum Ausgehen vorzubereiten. Eine Fülle von Bildern schoss in seine Gedanken. Ideen, was er mit ihr anstellen würde, bevor das Lebenslicht endgültig aus ihren Augen verschwand. Die Vorstellung, die Person zu sein, die Abigail bis zu ihrem erbitterten Todeskampf begleitete, war jede Gefahr wert, in die er sich begeben hatte.

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